Über die Kunst, sich nicht verführen zu lassen
Ich wollte eigentlich nur Rezensionen auflisten. Stattdessen wurde es ein Text über einen Höllenritt, skeptische Verlage und die Frage, was nach dem Triumph bleibt.
Ich habe keine Ahnung, wie es zu diesem Text gekommen ist. Eigentlich wollte ich alle Rezensionen meines Buches auflisten, weil die Veröffentlichung einer neuen Rezension ansteht. Stattdessen wurde es ein Text über meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen als Autor. Aber sei's drum. Es ist als Autor etwas eigenartig, von seinem Buch Rezensionen zu lesen. Um offen zu sein: Es ist mir ziemlich gleichgültig, was man davon hält – ob positiv oder negativ, Lob oder Kritik. Ich habe zu viele Menschen gesehen, die ihren Verstand verloren haben, weil sie ihren Selbstwert davon abhängig machten, was andere über sie sagen. Das würden viele sagen – doch schwach werde ich, merke ich immer wieder, wenn ich sehe, dass der Verfasser wirklich Zeit und Geist investiert hat, sich in den Text hineinzudenken. Dennoch: Ich habe das Buch in erster Linie für meine persönliche Bildung und die anderer geschrieben. Dass sich einige Medien dafür interessieren würden, hätte ich nie erwartet. Ich dachte auch, dass es kaum etwas verkaufen würde.
Trotzdem ist es passiert, und die Rezensionen sind durchweg sehr positiv, wenn auch an einigen Stellen kritisch; wobei manchmal meine Person im Vordergrund steht als das Buch selbst. Ein Rezensent des deutschen Magazins „Junge Freiheit” schrieb am Ende seiner Rezension:
In der österreichischen Presse führte er die Mängel der Funktionseliten in Zusammenhang mit dem Niedergang der ganz vom linken Zeitgeist beherrschten Universitäten zurück: „Heute gibt es kein Ringen mehr, weil die anderen Denkschulen in den Institutionen verschwunden sind. Für die Herausbildung unserer zukünftigen Eliten in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bedeutet das nichts Gutes. Ihnen fehlt ein breites geistiges Fundament, um die noch nie dagewesene Komplexität der heutigen Probleme nicht nur intellektuell zu erfassen und zu verstehen, was schon schwierig genug ist, sondern auch Antworten zu finden. Wie sollen sie ein Land in die Zukunft führen, wenn selbst die wichtigste Bildungsinstitution eines Staates sie nicht dazu animiert, Weisheit zu suchen?“
Eine berechtigte Frage. Hätten wir eine kluge Regierung, sie würde den jungen Mann, der beim englischsprachigen Wirtschaftsmagazin Forbes gearbeitet hat und heute als Kommunikationsberater in Wien tätig ist, umgehend in das von Annalena Baerbock ruinierte Auswärtige Amt holen. Hören wird man von ihm auf jeden Fall.
So etwas lässt natürlich keinen Menschen unberührt, auch mich nicht; aber es macht mich verlegen. So etwas hört man nun wirklich nicht alle Tage, schon gar nicht als junger Mensch. Ich bin aber dann doch misstrauisch und würde gerne wissen, woran der Autor das festmacht; doch ja, jeder Mensch mag Lob mehr als Kritik. Aber ich erinnere mich in solchen Fällen immer an die Zeile des deutschen Gangsterrapper NGEE, der eine lange persönliche kriminelle Vergangenheit hat, in seinem Song „Leben”: „Ich hab' gelernt, wer vertraut, fällt auf die Schnauze/Das ist, warum ich mir selbst auch nicht traue.”
Faszinierend finde ich das obige Lob nach dem Lesen der Rezension deshalb, weil es einen völligen Kontrast zu dem bildet, was ich bei der Erstellung und Veröffentlichung dieses Buches durchlebt habe. Es war buchstäblich ein Höllenritt – fast niemand hat daran geglaubt. Ich habe monatelang täglich stundenlang von Morgens bis Abends geschrieben, und als es dann fertig war, lag ich zwei Wochen im Sommer mit Fieber im Bett, weil mein Körper nicht mehr mitmachte. Dann kamen zahlreiche Kämpfe mit Verlagen hinzu, die stets davon geprägt waren, was sich ein Unter-30-Jähriger erlaubt, eine Biografie eines großen Diplomaten veröffentlichen zu wollen. „Was zum Teufel denkst du, wer du bist?”; dieser Satz hätte zahlreichen Verlagsvertretern auf der Stirn stehen können. Einer wollte mich sogar so weit sabotieren, dass ich gar keinen Vertrag bekäme. Ich habe sicherlich 30 bis 40 Verlage kontaktiert, einige Gespräche geführt, einen Vertrag sogar aufgelöst. Am Ende habe ich es dennoch geschafft – zum Trotz aller. Zeigt diese Geschichte denn nicht, wie subjektiv viele Dinge wahrgenommen werden? Eigentlich habe ich diese Geschichte nur meinen Liebsten erzählt, aber irgendwie finde ich, dass ich sie doch erzählen musste, weil es da draußen vielleicht einen jungen Menschen gibt, der mit größter Hingabe an etwas arbeitet, woran niemand glaubt, und sich fragt, ob er verrückt geworden ist, weil außer ihm niemand den Wert darin sieht. Ich weiß, wie das ist. Aber man muss es mit der Absicht tun, dass man es für einen größeren Sinn als sich selbst tut.
Diese Erfahrung hat jedenfalls bei mir dazu geführt, dass mich das Erscheinen des Buches eiskalt gelassen hat. Ich hatte keinen Funken Glücksgefühl in den Knochen. Trotzdem wünsche ich mir, ich könnte mich mehr darüber freuen. Dennoch: Der Zivilisationshistoriker Norbert Elias schrieb, dass das Fundament von Kultur die Affekt- und Triebkontrolle sei – und er hat völlig recht. Man hört auf zuzuhören, zu lernen, besser zu werden, wenn man Lob, Kritik oder seine animalischen Impulse in sein Herz lässt. Das würde ich auch allen jungen Autoren raten zu beherzigen. Selbst als Sultan Mehmet Fatih Konstantinopel erobert hatte, bückte er sich vor der Hagia Sophia, griff mit seiner Hand nach der Erde und streute sie sich über den Kopf, um sich im größten Triumphmoment seines Lebens zu ermahnen, dass er bloß ein Sterblicher ist.
Aber ich möchte dennoch verraten, was mich hier bis heute wirklich zufrieden macht: Es sind nicht die Einladungen zu Lesungen, nicht die öffentliche Anerkennung, nicht die Rezensionen und auch nicht die Verkäufe. Es ist der Gedanke, dass ich jahrelang ein Gespräch mit einem der begabtesten Menschen führen durfte, die Habsburg-Österreich je hervorgebracht hat. Es ist der Gedanke, dass dieses Wissen der Allgemeinheit nützlich sein könnte und ich mich damit, so gut ich kann, einbringe. Und es ist schließlich der Gedanke, dass, wenn ich längst tot bin, eine kommende Generation es liest und Lehren daraus zieht.
Nichts ist so schlimm, nichts so schön, wie man glaubt. Was bleibt, ist allein die Hingabe.
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Hier sind die interessantesten Rezensionen:
1. Berliner Zeitung: Sie ist mit Abstand die analytischste und, wie ich finde, sehr gelungen, weil sie die Essenz des Buches in sich trägt.
2.Die Presse: Sie zeigt, welche Lehren Europa im Umgang mit Russland ziehen kann.
3.Junge Freiheit: In dieselbe Kerbe schlägt auch der Beitrag in der Jungen Freiheit, der sich fragt, was Deutschland heute von Metternich lernen könnte.


