ORF-Podcast: Muamer, erkläre mir Amerika
Der öffentliche Diskurs in Wien bleibt, auch durchs Fernrohr aus den USA, verlässlich derselbe Schmarrn. Langweilig, plump, anspruchslos und von einer Primitivität durchdrungen, die sich in Moralaposteln, Zynikern, Societyglitzer und Gossip entlädt; Prediger der Enthaltsamkeit mit einem untrüglichen Gespür für den richtigen Château. Thomas Bernhard, der unerbittliche Chronist und Verächter der Wiener Gesellschaft, hat in seinem Roman „Holzfällen“ die hohle Seele dieser Nachkriegsgesellschaft schonungsloser in Stücke gerissen als je ein Engel sie hätte richten können. Muss man lesen.
Unter diesem Berg aus Dunkel und Destruktivität aber liegen, irgendwo in der Tiefe vergraben, Rohdiamanten, die mich immer wieder erstaunen und überraschen. Einer von ihnen ist der ORF-Journalist Martin Haidinger, den ich seit Jahren persönlich kenne. Ein großgewachsener, elegant gefüllter Herr, fast immer im Dreiteiler; ein Wiener Unikat, ausgestattet mit jenem Humor, jenem Charme, jener spitzbübischen Intelligenz und Nachdenklichkeit, wie sie nur die beste Zeit einer längst versunkenen Epoche hervorzubringen vermochte. Unter der brummigen Fassade aber verbirgt sich eine für Wien äußerst ungewöhnliche Tugend, eine echte, ungespielte Milde und Menschenliebe.
Kein einziges Mal begegne ich ihm, ohne dass er mich mit einer neuen Sichtweise, einer unerwarteten Erkenntnis oder einer persönlichen Geschichte überrascht. Einmal war er so vollständig in seine Arbeit versunken, dass er eine Verletzung schlicht ignorierte, sich von der Stelle nicht wegbewegen ließ und erst ein Krankenwagen mit Blaulicht vollendete, was seine Sturheit nicht wahrhaben wollte. „Gestorben wird später, ich musste meine Arbeit erledigen“, sagte er mir, beinahe beiläufig, über seinen Beinahe-Tod. Ich muss noch heute lachen, wenn ich daran denke, wie er mir das erzählt hat.
Martin wollte mit mir über meine Erfahrungen und Eindrücke in Amerika sprechen; herausgekommen ist ein Gespräch über die USA, den Irankrieg, Trump, die Neue Welt, ihre Prinzipien und ihren Glauben, aber auch darüber, welch überraschend große Rolle die österreichische Geschichte für amerikanische Spitzenbeamte und Historiker spielt. Viel Freude beim Hören.


