Nachruf an meinen Freund Erhard Busek
Ich vermisse Erhard. Er wäre in ein paar Tagen 85 Jahre alt geworden.
Mit dem Vizekanzler verband mich eine Freundschaft, die aus einem Streit entstand. Es war 2016, ich war zwanzig Jahre alt und hatte dreißig Minuten Zeit für ein Interview. Ich provozierte von Anfang an. „Wenn Sie alles besser wissen, warum haben Sie es damals nicht besser gemacht? Sie hatten Ihre Zeit.“ Überrascht richtete er sich vor mir auf und sagte: „Ich bin, im wahrsten Sinne des Wortes Staatsbürger und habe das Recht, meine Meinung zu äußern!“
Die Zeit war um, er musste gehen. Doch bevor er aufbrach, sagte er, ich müsse wiederkommen. Die Diskussion sei noch nicht zu Ende. Ich kam aber immer wieder. Wir schrieben gemeinsam Texte, luden zu Veranstaltungen ein, und es entstand ein Buch. Nach einem Jahr bot er mir das Du-Wort an. Wir besiegelten es mit Kaffee und Kuchen.
Erhard Busek war eine seltene Erscheinung in der österreichischen Politik. Ein Mensch mit geistigem Anspruch an sich und sein Umfeld, den er alle spüren ließ. Wann immer wir uns trafen, sprachen wir über Geschichte, Europa, Religion oder das, was wir zuletzt gelesen hatten. Er warf mir vor, die Kultur der einzelnen Nationen zu unterschätzen. Ich hielt dagegen, dass er die Machtfragen des Kontinents zu oft ausblendete.
Erhard hatte immer zu viel Zurückhaltung für staatsmännische Großtaten. Er erkannte, geistig durchaus, was nötig gewesen wäre; Macht zu konzentrieren, um Größeres zu bewegen. Doch er weigerte sich. Er hörte lieber in der Mitte auf, als die Dinge zu vollenden, weil er, wie ein Prophet, unerschütterlich glaubte, dass Gutes nur aus Vornehmheit erwachsen kann. Ein Staatsdiener aber handelt in der Welt, wie der Mensch sie bewohnt, nicht wie Propheten sie erträumen. Genau solche Fragen haben wir beide nie aufgelöst. Vielleicht lag darin ihr eigentlicher Wert.
Erhard hatte die Gabe, einen Menschen zu erfassen, seinen Lebensweg, in seinen Kopf zu steigen, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Obwohl wir aus völlig verschiedenen Welten stammten; er aus dem Wiener Bürgertum, ich aus einer slawischen Flüchtlings- und Arbeiterfamilie, sah er durch mich hindurch. Seiner Sekretärin sagte er einmal: „Muamer ist ein Suchender.“ Vielleicht, weil er selbst einer war. Und doch kam man ihm nie wirklich nah. Eine letzte Distanz blieb immer, wie eine Glasscheibe, die man nicht sieht, aber immer da ist.
Armin Wolf nannte ihn den besten Außenminister, den Österreich nie hatte. Niemand kannte Europa so gut wie er, niemand knüpfte so viele Verbindungen, war mit so vielen im Gespräch, half so vielen, blieb so vielen verbunden. Der beachtliche Ausdruck äußerste sich im Detail. Als Viktor Orbán zu einem Staatsbesuch nach Wien kam, war sein erster Halt nicht das Bundeskanzleramt, sondern Erhards Büro.
Einig waren wir uns darin, dass weder Staat noch Politik die moralische Krise Zentraleuropas wirklich auflösen wird, die ausufernde Wertelosigkeit, den Verlust an Sinn und Orientierung. Aus dem Nichts sagte er mir einmal, die Erschaffung des Menschen sei etwas unheimlich Positives. Ich redete, statt nachzufragen und zuzuhören. Das bereue ich heute. Seine Antwort auf diese Frage hätte ich noch gerne gehört.
Weil Erhard stets bewusst war, dass am Ende der Sarg wartet, musste das Leben etwas bedeuten und die Suche danach uns als Menschen Pflicht sei. Ich hoffe, dass er jetzt um ein paar Antworten reicher ist.
Ich liebte diesen Mann. Möge Gott seiner Seele gnädig sein.


