„Null plus Null plus Null ergibt immer noch Null“, sagte der pakistanische Premierminister Huseyn Shaheed Suhrawardy während der Suezkrise 1956 über die Solidarität der muslimischen Staaten untereinander. Die Geschichte zeigt: Jeder Versuch, im Nahen Osten eine belastbare Sicherheitsarchitektur zu schaffen, ist an den Partikularinteressen und der strategischen Kulturlosigkeit der einzelnen Staaten gescheitert, selbst dort, wo die Verträge eine Klausel wie den Artikel 5 und einen koordinierenden Verteidigungsrat vorsahen. Die ägyptisch-syrische Föderation (1958) zerbrach nach drei Jahren; Irak verließ 1959 den Bagdad-Pakt; die Regionale Kooperation für Entwicklung (1964) blieb wirkungslos; die Arabische Liga (1950) tat 1967 im Sechstagekrieg und 2003 im Irakkrieg nichts für ihre Verbündeten; die GCC (1981) sah 2017 tatenlos zu, wie drei Mitglieder Katar blockierten.
Die Unterzeichnung des Mekka-Abkommens zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan trägt Merkmale einer diplomatischen Revolution. Es gibt Momente in der Geschichte, in denen die Interessen mehrerer Staaten ineinandergreifen wie Puzzleteile, sodass sich ein politisches Gemälde ergibt, in dem jeder seine Interessen gewahrt sieht. Ein solcher Moment ist das. Der entscheidende Punkt an diesem Vertrag ist einzig und allein, dass sich zwei der vier wichtigsten Mittelmächte – die Türkei und Saudi-Arabien – gegenseitig derart weitreichend vertraglich binden. Beide haben nämlich genau beobachtet, wie sich Israel, die USA und der Iran in den jüngsten Konflikten verhalten haben, und daraus den Schluss gezogen; wer nicht als Kollateralschaden von Hegemonialkonflikten enden will, muss das Gleichgewicht im Nahen Osten selbst in die Hand nehmen, um sowohl den hegemonialen Ansprüchen Israels und der USA als auch jenen des Iran Einhalt zu gebieten. Mit diesem Abkommen sorgen sie also vor, sich selbst zu ordnen, bevor es für sie militärisch ernst wird.
Für die Türkei lautet die Conclusio, dass es außer roher Gewalt keinerlei Regeln mehr gibt. Die USA können Israel nicht zähmen, und Netanyahus Maßlosigkeit, die so weit ging, die iranische Führung zu exekutieren, lässt die Türkei einen plötzlichen Angriff durchaus fürchten; zumal sie weiß, dass der Westen sie in einem solchen Fall nicht verteidigen wird. Syrien wird Israel der Türkei als Einflusssphäre nicht kampflos überlassen. In Ankara ahnte man das bereits und hörte genau hin, als israelische Politiker öffentlich davon sprachen, die Türkei sei der neue Iran. Den Beweis dafür sah Erdoğan darin, dass Israel kürzlich Luftangriffe auf syrische Militärinfrastruktur flog und es zerstörte. Der Konflikt zwischen der Türkei und Israel ist längst im Gange, das Mekka-Abkommen ist lediglich seine Besiegelung. Für Saudi-Arabien hingegen lautet die Conclusio, dass die USA militärisch gar nicht mehr in der Lage sind, den Iran mit leichter Hand im Zaum zu halten. Das Zusammengehen dieser beiden Mächte beruht also exakt darauf, dass sie den jeweiligen Hegemonialanspruch des Westens und des Ostens nicht akzeptieren wollen und nun ihre Ressourcen bündeln, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Saudi-Arabien verfügt über Kapital, aber über keine Rüstungstechnologie; die Türkei verfügt über solide Rüstungstechnologie in Masse, aber über kein Kapital. Saudi-Arabien kann der Türkei helfen, Militärgerät zu entwickeln und in Masse zu produzieren, und die Türkei kann Saudi-Arabien helfen, dieses Gerät notfalls in Masse ins Feld zu führen.
Die Klausel, dass sich beide gegenseitig verteidigen werden, darf durchaus ernstgenommen werden, ernster als je zuvor, weil sich die Ordnung im Nahen Osten im Wandel befindet wie selten in den letzten Jahrzehnten. Ein Indikator ist auch der institutionelle Unterbau, ein ständiges Gremium, indem ministerielle, politische und militärische Vertreter ihre Schritte miteinander abstimmen. Eine Zusammenarbeit dieser Dichte hat es zwischen beiden Ländern in der jüngeren Geschichte nicht gegeben. Man wird zwar nicht jede militärische Auseinandersetzung sofort als die eigene ansehen, darum geht es auch nicht, vielmehr geht es darum, dass die Türkei unmöglich zulassen könnte, dass Saudi-Arabien instabil wird und als Gewicht in der Waagschale ausgeschaltet wird, ebenso wenig könnte Saudi-Arabien das bei der Türkei zulassen. Ob es den beiden Mächten wirklich gelingt, den Pakt auf weitere Staaten auszudehnen und eine ernsthafte Sicherheitsarchitektur der islamischen Welt zu schaffen, bleibt abzuwarten. Die Türkei scheint es darauf anzulegen, doch das wird sich erst noch zeigen müssen und eine Staatskunst erfordern, die jener eines Metternich oder Bismarck vergleichbar ist, denn auch der Deutsche Bund (1814) benötigte zwei Großmächte, um dem deutschsprachigen Raum eine Sicherheitsarchitektur zu geben. Da es sich bei der Türkei und Saudi-Arabien um Mittelmächte handelt, ist die Aufgabe ungleich schwerer als 1814.
Neben der defensiven Natur dieses Abkommens, die zweifellos gegeben ist, kommt für Ankara und Riad noch ein anderes Problem hinzu; dass sie die Ausdehnung des Einflusses des jeweils anderen in Wirklichkeit ebenfalls nicht zulassen können, zumindest nicht so weit, dass sie ihn sich nicht gegenseitig teilen und die jeweiligen Pufferstaaten neutralisieren. Der Erfolg des Mekka-Abkommens ist also nicht nur daran zu messen, inwieweit es beiden Mächten wirklich gelingt, das Gleichgewicht und die Stabilität im Nahen Osten zu beeinflussen, sondern auch daran, inwieweit sie fähig sind, die Pufferstaaten neutralisiert zu halten. Gelingt ihnen diese Kooperation nämlich nicht, herrscht wie immer im Nahen Osten ein Alle-gegen-alle, nur dürften diesmal auch für die Mittelmächte Katastrophen folgen.
Foto: Nach der Unterzeichnung des Abkommens fand ein gemeinsames Freitagsgebet in der heiligsten Stätte der Muslime statt. Mehr Symbolik geht kaum.


