Die Zeit der Führer ist wieder da
Ein Beitrag von mir wurde von Tausenden gelesen. Ein Freund, dessen Urteil ich sehr schätze, schrieb mir, er sei außerordentlich gelungen. Deshalb hier nochmal überarbeitet. Er gründet auf Beobachtungen, die ich seit meiner Rückkehr aus Amerika nach Wien gesammelt habe, in Gesprächen mit Menschen aus den verschiedensten Lebenswelten.
Ich bin unter äußerst bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und durch meine Mutter und eigene Arbeit ins Bürgertum vorgestoßen. Man gewöhnt sich, das muss ich gestehen, erstaunlich schnell an neue Lebensumstände. Eben deshalb habe ich mir angewöhnt, mich immer wieder bewusst auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Wohin es mich auch verschlägt, mit wem ich auch spreche, ich frage nach; nach Lebensumständen, nach Einkommen und Ausgaben, nach Wünschen und Sorgen, nach dem, womit die Menschen täglich zu kämpfen haben.
In den letzten Jahren habe ich bei Menschen, die nicht dem Bürgertum angehören, einen tiefgreifenden Wandel im Denken bemerkt und dieser Wandel ist seither nur stärker geworden.
Der gesellschaftliche Zustand des deutschsprachigen Raumes ist eine blanke Katastrophe, quer durch alle politischen Lager. Die jungen Linken haben den Kontakt zur Wirklichkeit verloren und wollen aus der Fantasiewelt auch nicht mehr heraus. Die jungen Konservativen sind gottlos, ohne Ehrgefühl, ohne einen Funken Heroismus in den Knochen und geistig orientierungslos. Die Rechtspopulisten hätten zumindest eine Vorstellung vom Staat und Gesellschaft, aber sie haben keine Zugkraft, keine intellektuelle Ausstrahlung und sind mindestens so opportunistisch wie der Rest.
Während die Eliten in ihrer Parallelwelt sitzen und sich darin gemütlich eingerichtet haben, kochen die Durchschnittsverdiener vor Wut. Ich habe noch nie eine solche Wut gesehen, bei Männern, die LKW fahren, auf Baustellen arbeiten, in Werkstätten stehen. Stille, geballte, gefährliche Wut.
Das Schicksal des deutschsprachigen Raumes wird sich zwischen zwei Wegen entscheiden; dem langsamen Verarmungspfad Argentiniens mit globaler Bedeutungslosigkeit als Endstation oder einer Renaissance radikalisierter Männer. Es gäbe noch eine dritte Option: dass sich früher oder später eine weise Führung herausbildet, die den reißenden Strom in gelenkte Bahnen zwingt. Aber daran glaube ich nicht mehr. So viel Glück muss die Geschichte einem erst geben. Ich tippe auf die zweite Option.
Die politischen Akteure in den jeweiligen Systemen glauben stets, und das ist historisch nichts Neues, jede Entwicklung einhegen zu können. Die Revolutionäre beim Ausbruch der Französischen Revolution dachten nicht anders. Die Wahrheit könnte kaum weiter davon entfernt sein. In den allermeisten Fällen ist es ein Individuum, das in Zeiten des Umbruchs ein politisches System konsolidiert, nicht umgekehrt.
Einzelne, kluge Köpfe im deutschsprachigen Raum beginnen bereits zu begreifen, dass die Zeit der Führer wiedergekehrt ist. Das historische Zeitfenster für Transformationen des politischen Systems steht so weit offen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch was bedeutet das konkret?
Da der gesellschaftliche Druck von den etablierten Akteuren des politischen Systems nicht aufgefangen werden kann, verleiht die Bevölkerung einem einzelnen Individuum eine historisch selten gewährte Legitimität, zu tun und zu lassen, was es für nötig hält. Ich höre es immer wieder: Es ist gleichgültig, was geschieht, Hauptsache, es geschieht etwas. Wir befinden uns in einem Moment, in dem die radikalsten Brüche wohl von weiten Teilen der Bevölkerung mitgetragen würden.
Was am Ende politisch daraus wird, entscheidet die individuelle Interpretation jener neuen Führer, die ein politisches System formen. Sie können destruktiv wirken oder konstruktiv, visionär oder verheerend, aber ihre persönliche Deutung dessen, wie und wohin sie handeln, ist in solchen Zeiten das Entscheidende.



Ich bin in Berlin nach der Wiedervereinigung aufgewachsen. Was ich sah, war eine unheimliche Verödung des Seins. Jeder Mensch wurd immer mehr depressiver, je weiter die Zeit voranschritt. In einer Zeit unvorstellbarer Möglichkeiten, wurden Menschen gefühlt immer kleiner und kleiner.
An einer "Elite"-Uni dachte ich, wird es anders. Entsprechend habe ich an der Humboldt Universität nach interessanten, denkenden Menschen gesucht. Vergeblichst. Alle bewegten sich in einer Welt, die offensichtlich künstlich aufgebaut wurde. Jeder Versuch, aus dieser Künstlichkeit herauszuspringen, rufte bei den Menschen eine existenzielle Krise absoluter katastrophalen Maßstabs hervor.
Alle mögliche Gefühle, die nicht in eine vorher definierte Passform passten, selbst wenn diese aus der Geschichte für Deutschland durchaus nicht unbekannt waren, wurden größtenteils als Gefahr für die eigene soziale Position angesehen.
Du schreibst, die "jungen Linken wollen aus der Fantasiewelt nicht mehr heraus". Die können es ja auch nicht. Sozialisiert in einer Welt, die technologisch nur Opferstatus als legitime Quelle der Moral hervorhebt, sind alle katastrophal dem so genannten "Downgrade" unterzogen worden. Kritische Denkweisen, berufen die Fehler im System zu finden, wurde pervertiert, um keineswegs diese identifizierten Fehler auch lösen zu können. Zusätzlich kam dazu auch noch der Zerfall der Sowjetunion hinzu, welche die geopolitische Positionierung der Linke mit einem weiteren Schlag massivst drückte. Dass die Linke deiner Meinung nach nicht aus einer Fantasiewelt entflieht, liegt genau daran, dass sie außerhalb einer Fantasiewelt ja auch gar nicht mehr existiert.
Die Konservativen sind natürlich nicht besser - das hast du ja gut beschrieben. Vor allem auch, weil es die Geschichte ja gar nicht mehr gibt. Worauf die Konservative sich beziehen ist ja ein ebenso künstliches Konstrukt, das nur in näherer Betrachtung seine Weltfremdheit offenbart.
Ich habe mir seit eh und je formuliert: wir brauchen eine Neue Allianz Links-Konservativer Kräfte. Aber das würde eine intellektuelle, konzeptionelle und vor allem Kulturelle Anstrengungen erfordern, die Sturm und Drang wie ein kleines Kind aussehen lassen würde.
Das alles gibt es nicht. Dass du sogar die Hoffnung äußerst, Weisheit könne sich in die Führungsebene hervorpreschen, finde ich schon bewundernswert, aber auch zutiefst naiv. Eventuell weißt du mehr, aber Weisheit, als fundamental Menschliche Kapazität, scheint in heutiger Zeit absolut katastrophaler technologischen Wachstums, die am meisten antiquierte Ressource zu sein.
Die Zeit der Führer ist absolut wieder da. Nicht nur das: sie war nie wirklich überwunden. Wir haben immer nur gehofft, sie wäre überwunden. So sehr hatten wir gehofft, dass es fast real zu seinen schien. Es gab genug Stimmen, welche diese Entwicklung kritisch hinterfragten. Keine konnte sich durchsetzen. Zu stark war der Wille, so zu tun, als ob man die Geschichte überwunden hat. Ein Geist fundamentaler Inkompetenz scheint unbedingt herrschen zu wollen. Eine Traumatisierung, die sich nur durch den Bruch des Hegelschen Geistes der Geschichte wiederzufinden vermag, liegt auf uns.
Meine Hoffnung in dieser Hinsicht ist, dass ein verstärkter Austausch mit anderen Kulturen doch einen Nährboden für einen neuen Diskurs setzt. Der Freihandelsabkommen mit Indien, z.B., ist so ein Austausch. Auch mit Russland, dem Iran und auch mit China, aber auch mit allen anderen Ländern und Kulturen, wird vermehrt gebraucht. Vor allem mit anderen Strömungen, die eine andere, nicht von vornherein gespaltete Wahrnehmung der menschlichen Essenz Einstellung zur Welt verkörpern.
Vor allem, jedoch, braucht man einen äußerst kritischen Blick auf unser eigenes Wesen, welches natürlich durch den technologischen Wachstum viel zu weit in die künstliche Form gepresst wurde. Mehr offline Sozialiserung, mehr Austausch. Aber, vor allem, auch ein neues Theater, eine neue Dramatisierung - aufbauen auf der Aesthetischen Erziehung des Menschen von Schiller - das braucht Deutschland. Aus so einer Bewegung kann eine neue Weisheit geboren werden. Kann, aber nicht muss.