Nach dem Ende des Kalten Krieges stellte Deutschland sein Wohlstandsmodell auf das Fundament einer scheinbar dauerhaften weltpolitischen Stabilität. Es ruhte auf vier Pfeilern. Gesicherten Grenzen in Europa, günstigem Gas aus Russland, China als Absatzmarkt und dem amerikanischen Schutzschirm. Binnen eines Jahrzehnts ist einer nach dem anderen eingestürzt.
Ein Großmachtkonflikt im Nahen Osten, von einem Verbündeten mitentfacht, trieb Flüchtlingsströme nach Europa, und Deutschland musste den Kollateralschaden auffangen. Das russische Gas versiegte, weil sich auch hier der eigene Verbündete und Russland in der Ukraine, jenem Pufferstaat in Deutschlands Einflusssphäre, gegenseitig in einen Krieg hochgeschaukelt hatten, ohne dass Berlin eigenes Gewicht in die Waagschale werfen konnte. China ist industriell inzwischen so erstarkt, dass es nicht mehr nur als Absatzmarkt wegbricht, sondern deutschen Industrien auch in Europa die Marktanteile abgräbt. Schließlich zieht sich Amerika zurück und verhängt Zölle gegen die eigenen europäischen Verbündeten. Das Imperium hat sich überdehnt, sucht die Konsolidierung und lässt Deutschland im Ungewissen, wer künftig für seine Sicherheit sorgt. Zusammen haben diese Einstürze eine innenpolitische Instabilität ausgelöst, die Deutschlands Außenpolitik unwiderruflich verändern wird.
Getrieben von einer neuen Innenpolitik befindet sich die Außenpolitik der exklusiven Westbindung im freien Fall. Mit dem Aufprall bricht ein neuer deutscher Sonderweg an. Deutschland erkennt, wie begrenzt sein Einfluss gegenüber den Großmächten ist, die es in diesen Druck von West und Ost hineingeworfen haben. Da es allein zu schwach ist, ihnen zu trotzen, sucht es nach Wegen, Europa so zu einigen, dass es Großmächte zumindest auf Distanz hält. Dabei treten vorerst zwei wahrnehmbare Denkrichtungen hervor, die Deutschlands Stellung in Europa ruinieren könnten. Die erste sucht die enge Bindung an die Vereinigten Staaten und will Europa unter diesem Schirm konsolidieren, indem sie die Europäische Union in ihrer bisherigen Form auflöst. Die zweite strebt nach Unabhängigkeit, setzt auf lose Bindungen an die Großmächte und will Europa auf diesem Wege konsolidieren. Doch keine der beiden hält der historischen Erfahrung stand.
Die deutsche Macht, so sagen beide, sei groß genug, um auf die europäischen Institutionen keine Rücksicht nehmen zu müssen. Man könne sie sogar auflösen und neue schaffen, die erste im Vertrauen auf Washington, die zweite im Vertrauen auf die eigene mitteleuropäische Kraft. Gefährlicher und geschichtsblinder ist kaum zu denken. Das Ansehen, das Deutschland sich über zähe Jahrzehnte in Europa erworben hat, wäre mit einem Schlag zerstört. Der Augenblick, in dem Deutschland die Europäische Union auflösen will, ist der Augenblick, in dem jede Kleinmacht Anschluss an die nächstgrößere sucht. Deutschland hätte wieder, was Europa jahrhundertelang kannte; ein Europa der Teilung. Westeuropa lehnte sich an Frankreich und suchte zur Sicherung gegen Deutschland den Weg nach Moskau, Mitteleuropa an Deutschland, während Süden und Osten sich größtmögliche Handlungsfreiheit bewahrten und Großmächte wie Russland, China und die Vereinigten Staaten jede Spaltung für sich nutzten. Das ist keine Spekulation, sondern die Erfahrung zweier Jahrhunderte deutscher Diplomatiegeschichte. Solange Metternich und Bismarck den deutschen Einfluss im 19. Jahrhundert (1814-1890) in Verträge und Institutionen banden, blieb er unangefochten. Erst als Berlin darauf setzte, die eigene Macht sei groß genug, um ohne sie auszukommen, fanden Frankreich, Russland und später Amerika zueinander. Deutschland würde so wieder unter einen Druck von West und Ost geraten, stärker als jener, der ohnehin auf ihm liegt, und diesmal existenziell. Will Deutschland heute seine Handlungsfreiheit in Europa bewahren, muss es Moskau, Paris und Washington näherstehen als diese einander.
Auf der anderen Seite erklären die Befürworter einer nur losen Bindung an Großmächte nicht, wie Deutschland die Fähigkeiten ersetzen soll, die es ihnen verdankt, vom nuklearen Schutz über die besten Waffensysteme bis zur künstlichen Intelligenz, wenn es eines Tages auf sich allein gestellt ist. Das Deutschland von heute ist nicht mehr jenes des zwanzigsten Jahrhunderts, das an der Spitze des technischen Fortschritts marschierte, und es besitzt auch nicht die militärische Macht, Europa noch einmal zu erobern und seine Vorherrschaft zu verankern. Zwei Einsichten hat die deutsche Außenpolitik aus dem Blick verloren: Eine über den Umgang mit Großmächten und eine über den Gebrauch der eigenen Macht.
Die Geografie hat Deutschland dazu verflucht, in Übergängen zu denken, doch seine außenpolitischen Eliten denken zu oft in Brüchen; sie hat es dazu verflucht, dass Form und Substanz ein und dasselbe sind, doch sie denken allein in der Substanz. Es sind diese zwei fundamentalen Denkfehler, die Deutschland in zweihundert Jahren Diplomatiegeschichte immer wieder in die Katastrophe schlittern ließen und die heute wiederkehren.
Der erste Denkfehler ist, nicht zwischen Übergängen und Brüchen zu unterscheiden. Will Deutschland Europa konsolidieren, dann braucht es eine Großmacht so lange, bis die Konsolidierung weit genug fortgeschritten ist, um deren Kapazitäten entbehren und die Bindung Schritt für Schritt abtragen zu können. Das ist das notwendige Denken in Übergängen, das für Deutschland alternativlos ist. Ein Bruch dagegen macht sich alle Mächte zu Gegnern, ohne dass die eigene Macht ausreicht, den Verlust dieser Bindung auszugleichen. Übergänge erlauben es, Macht zu sammeln. Brüche erlauben sich, wenn überhaupt, nur jene, die nichts mehr zu sammeln haben.
Der zweite fundamentale Denkfehler liegt darin, Form und Substanz der deutschen Außenpolitik für zwei verschiedene Dinge zu halten. Substanz ist die Macht; Form ist der Rahmen, in dem sie ausgeübt wird und in dem die anderen Mächte sie als legitim anerkennen. Wer fordert, die Europäische Union zu verlassen oder aufzulösen, sich strategielos an eine einzige Großmacht zu binden oder die Großmächte gegeneinander auszuspielen, ohne die Folgen zu bedenken, zerstört die Form und früher oder später auch die Substanz. Der Weg, auf dem Deutschland aus Europa eine Großmacht erschaffen kann, führt in die andere Richtung. Deutschland muss die Form prägen, um die gemeinsame Substanz zu vergrößern. Nur im Windschatten der Form kann es heute seinen Einfluss ausdehnen, denn wer erkennbar nicht nur für sich, sondern für den Kontinent handelt, dessen Macht wird anerkannt und nicht mit Gewalt bekämpft. Schränkt die Form die deutsche Macht zu sehr ein, so bleibt Deutschland die Option, sie gemeinsam mit anderen zu beschneiden oder, wo Partner sich verweigern, neben der Europäischen Union mit den willigen Mitgliedstaaten eigene Strukturen zu errichten. Entscheidet sich Deutschland für einen anderen Weg als diesen, werden die Folgen für das Land und für den Kontinent verhängnisvoll sein.
Mit der Niederlage in zwei Weltkriegen hat Deutschland dauerhaft die Möglichkeit verloren, Europa mit roher Macht seinen Willen aufzuzwingen. Der Weg zur europäischen Einigung führt heute über die deutsche Macht, über die europäischen Institutionen und über Mehrfachstrukturen daneben, während Deutschland von einem Übergang zum nächsten die Abhängigkeiten von einer einzelnen Großmacht Bereich für Bereich abträgt und so die eigene Konsolidierung wie die des Kontinents vorantreibt. Das Verlassen oder Auflösen bestehender Strukturen dagegen wäre eine geopolitische Katastrophe von jener Art, die Deutschland vor 1914 erlebte, als es allein stand, weil es in Brüchen dachte und nicht in Übergängen und weil es meinte, angesichts der Substanz, der rohen Macht, komme es auf die Form gegenüber den anderen Mächten nicht mehr an. Die Lehren der deutschen Diplomatiegeschichte sind so klar wie selten zuvor. Ob Berlin sie beherzigt, ist die einzige Frage, die bleibt.


