Brief eines Europäers aus Amerika (1): Es ist eine Frage der Ehre geworden
Thanksgiving mit einer US Familie. Eine Bibel am Esstisch. Ein 16-Jähriger, der nicht zögert, sein Gewehr zu nehmen. Mein erster Brief aus Amerika über das, was wir in Europa verloren haben.
Erfahrung ist eine Form von Wahrheit, der keine Theorie und kein Modell je nahekommen wird. Allein deshalb ist die Geschichte gegenüber allen anderen Wissenschaften vom Menschen zu bevorzugen. Aber ich will hier nicht anfangen, über Geschichtsphilosophie zu schreiben; es geht um Amerika, in dem ich nun seit fast einem halben Jahr lebe. Ein Europäer, der noch nie in Amerika war, kann sich nicht fühlbar vorstellen, wie Amerika ist. Lesen und Verstehen ist das eine, Erleben das andere. Eine geistige Fügung, die mich einem interessanten Forschungsprojekt verschrieb, ließ mich all meine Zelte in Wien abbrechen, um die nächste Zeit in Texas zu verbringen. Die USA kannte ich aus Zeitungen, aus Podcasts der Crème de la Crème der Intellektuellen dieser Welt, von denen die allermeisten in den USA arbeiten, oder aus Büchern wie der großartigen Biografie des texanischen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson von Robert Caro. An jedem Band hat der Mann über zehn Jahre recherchiert und jedes Detail von Johnsons Leben zu Papier gebracht. Aktuell ist Band vier erschienen, ich bin bei Band drei, und Band fünf steht noch aus. Wobei Caro mittlerweile 90 Jahre alt ist; und ich verfolge mit fast schon religiösem Eifer, ob er es schafft, den letzten Band zu veröffentlichen. Ich fand es faszinierend mitzuverfolgen, welche Sehnsucht einen bitterarmen Jungen aus dem isolierten, unfruchtbaren Hill Country zum größten Gesetzgeber der letzten hundert Jahre in Amerika machte. Ich würde diesen Harry Potter der Biografien jedem Studenten zur Lektüre verdonnern. Um das Buch soll es aber hier nicht gehen. Es geht um Amerika.
Als ich in Dallas, Texas, mit zwei Koffern landete und in den Norden in eine kleine Studentenstadt fuhr, begann ich Johnson zu verstehen. Die enorme Größe des Bundesstaates übertrifft die Fläche Frankreichs; und Frankreich ist riesig, fast doppelt so groß wie Deutschland. Während mich ein Taxi zu meiner Wohnung fuhr, sah ich bloß Weite, einen Horizont, der kein Ende kannte. Ab und an gab es auf dieser schieren Weite ein paar Flecken, die Häuser oder Unternehmen waren; alle voneinander zig Kilometer entfernt. Die Weite, die Isolation, die schiere trockene Hitze mit über 40 Grad Celsius macht etwas mit den Menschen. Sie erdet sie, zeigt ihnen, was im Leben wichtig und weniger wichtig ist, und wie wichtig das Aufeinanderangewiesensein ist, weil sonst niemand da ist; kein Staat, nur die wenigen Menschen um einen herum. Das Erste, was mir auffiel, ist, dass die Amerikaner deutlich mehr Seele als wir Europäer heute haben. Angekommen bei meiner Gated Community (ja, sie ist wirklich gated) bezog ich ein Apartment nahe der Universität, bei der ich arbeite. Ich hatte bereits in Wien eine Matratze online bestellt, die ankam, als ich die Wohnung in Texas betrat. Die Matratze war so groß, dass sie selbst für einen kräftigen Mann kaum zu transportieren war. Da fuhr ein junger Mann mit einem Go-Kart vorbei, sah mich diese elendige Matratze schwerfällig tragen und sagte: „Man, I have to help you, let’s do this together.“ Zack, getan. In Österreich bin ich etwa fünfzehnmal umgezogen; eine Hilfsbereitschaft, Offenheit und, ja, eine gewisse Warmherzigkeit in dieser Form habe ich noch nie erlebt. Die Amerikaner erinnern mich stark an die Menschen auf dem Balkan, allerdings mit einer unerbittlichen Rationalität. Bis heute bekommt mein Go-Kart fahrender Helfer immer wieder eine mexikanische Cola (sie schmeckt besser als alle anderen, weil sie mit echtem Rohrzucker gesüßt wird) oder Gummibärchen, wenn ich ihn sehe.
Ich fahre hier mit einem E-Scooter herum, um das Wichtigste zu erledigen. Dem Reifen ging die Luft aus, also ab zu einem Geschäft, das eine Luftpumpe verkauft; gefunden in einem Autohandel. „If you try out the pump and it works, then you have to buy it“, sagt mir ein junger Lateinamerikaner. Ich nicke, dann gehen wir raus und testen, ob die Pumpe funktioniert, und siehe da: Luft zieht in den Reifen, perfekt! Ich wollte nun reingehen und bezahlen, da sagt mir der junge Mann: „Forget about buying, the tire is full“, und schickt mich weg. Ich glaube, dass er mir im Geschäft vom Kaufen sprach, weil er unter Beobachtung seiner Vorgesetzten stand. Jetzt, wo wir draußen waren und alles klappte, wollte er mir eigentlich nur helfen und konnte beim Reingehen sagen, dass die Pumpe nicht funktionierte; oder irgendeine andere Ausrede, die er sich einfallen ließ. Diese kleine Geste sagt enorm viel über die Amerikaner aus. Bei einem Behördentermin wurde ich von der Polizistin begrüßt, die dort Aufsicht hatte. Sie ordnete mich sofort ein und half mir, wo sie konnte. Ich war so überrascht, weil mir auch das nie in Wien passiert wäre. Beamte in Wien thronen hinter ihren hohen Schreibtischen, zu denen man sich wie bei einer Reichsdeputation dem Kaiser nähern darf; nicht wie zu Dienstleistern, denen bewusst wäre, dass der Staat dem Bürger etwas schuldet und nicht umgekehrt.
Amerika ist ein revolutionärer Staat, kein aristokratischer wie die im deutschsprachigen Raum. Wenn es so etwas wie einen Adel gibt, dann einen Geldadel oder einen Public-Service-Adel, zu dem jeder bei entsprechender Befähigung dazustoßen kann. Das merkt man daran, wie kurz die Wege zu Menschen sind, die etwas aus sich gemacht haben. Man muss nicht zwei, drei Sekretäre überspringen, um die gewünschte Person zu erreichen. Eine interessante Mail an den Empfänger reicht aus, und man bekommt eine Antwort. Das ist lediglich ein kleines, aber wichtiges Puzzleteil, das Amerika veranschaulicht. In Europa erwarten Bürger wie bei König und Untertanen, dass gerecht regiert wird; in den USA soll so wenig wie möglich regiert werden. Gottgefällig ist hier jener, der auf der Erde Gutes tut, und nicht jener, der sich von der Welt lossagt und ins Kloster zurückzieht oder glaubt, die menschliche Natur wegideologisieren zu können. Stürzt jemand ab, ruiniert sich jemand sein Leben, so hat er sich das auf Gottes Wegen verdient, genauso wie seinen Erfolg; eine typisch protestantische Ethik strömt hier aus allen Poren. Dass für den durchschnittlichen Amerikaner nichts mehr Gutes getan wird, ist etwas, das sie seit Langem beschäftigt. Man kommt an keinem Gespräch vorbei, in dem nicht über Washington geschimpft wird. Sie deuten auf die maroden Straßen, ihre ruinierten Flughäfen, auf geplatzte Reifen auf den Pannenstreifen und erzählen mir, dass Straßenreparaturen von Gefängnisinsassen durchgeführt werden. Sie sagen mir, wie viele Steuern sie zahlen, und sehen nicht, was sie davon haben; keine umfassende Krankenversicherung, keine ordentliche Infrastruktur, keine Karenz für junge Mütter und bloß zwei Urlaubswochen pro Jahr. Aber sie hören, wie Washington sich um die Welt kümmert; während mein Taxifahrer etwa 25 Prozent Steuern für praktisch nichts bezahlt. Aber das ist nicht die Essenz der Wut. Der Grund des Zorns der Amerikaner ist nicht rein materialistischer Natur, es ist vielmehr der Gedanke, dass ihre Eliten vergessen haben, wem sie zu dienen haben. Es ist nicht vorrangig eine Frage des Wohlstands, sondern der Ehre, des Respekts für diese Leute; dass sie die Herren Washingtons sind und nicht Washington über sie thront. Vor diesem Hintergrund ist die neue amerikanische Revolution zu verstehen.
Warum aber bricht dieser lodernde Vulkan erst 2016 mit der Wahl Trumps aus und nicht früher? Wachstum ist die Antwort. Unternehmen bauen beispielsweise in Texas ständig aus und siedeln sich an. Das Wachstum hat eine Rebellion der Amerikaner sehr lange zurückgehalten. Aber es war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vor diesem Hintergrund war Obamas Wahl im Jahr 2008 für die Amerikaner der Weg, grundlegende Veränderung auf weniger rabiate Weise zu erreichen. Nachdem diese ausblieb, wählten sie die disruptivste verfügbare Option; und würden es wieder tun. Die Eliten in Washington oder Europa, die Trump als einen Sturm sehen, der vorüberzieht, werden sich täuschen. Es ist erst der Anfang einer neuen amerikanischen Revolution. Keine alte Elite wird das mehr bändigen können. Die Frage ist nur, wer nach Trump der Nächste sein wird, der neue Pflöcke einschlägt; denn die Menschen werden jenen wählen, der sie ihnen bietet. Die Menschen hier, besonders die Jüngeren, wollen ihr Imperium jedenfalls nicht mehr, weil das Imperium für sie nicht da war, aber für jeden anderen. Trump war nicht das Ende einer Revolution, sondern ihr Beginn. Wo das endet, ob es die amerikanische Demokratie in dieser Form noch geben wird; das traue ich mir nicht zu sagen, aber man muss immer auf der Hut sein.
Aber ich will zuletzt auf etwas anderes hinaus, eine Beobachtung, die ich persönlich am interessantesten fand, weil sie geistiger, nicht materialistischer Natur und sicherlich entscheidend ist. Ein Kollege namens Sebastien*, mit dem ich sehr eng an der Universität zusammenarbeite, war jahrelang in der US-Army, war in Europa stationiert und hätte eine glänzende Karriere im Militär gehabt, aber er verabschiedete sich nach Jahren, als er seine Frau heiratete. Während man gewisse Dienstjahre absolviert, bietet das Militär an, künftige Studien voll zu bezahlen und sogar für ein paar Jahre die Unterkunft. Das US-Militär ist hier soziale Mobilitätsleiter und so auch für ihn. Schwarzes, dichtes, minimal gelocktes Haar, blaue Augen, große, schmächtige Statur, dafür ein hellwacher Geist. Wenn ich mir amerikanische Exzellenz vorstelle, fällt er mir ein. Kritisch hinterfragend, aber immer pflichtbewusst und gottesfürchtig. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, weil wir über den Ersten und Zweiten Weltkrieg diskutierten, und ich erkannte sofort, dass dieser junge Mann ein Fingerspitzengefühl für Macht hatte – anhand der Fragen, die er stellte –, wie ich es bei einem so jungen Menschen kaum gesehen habe. Ich fragte mich: Woher wusste ein Amerikaner im tiefen Süden so viel, weit mehr als jeder Student, den ich im deutschsprachigen Raum kannte, und was macht diese Menschen hier aus? Wie es der Zufall wollte, lud er mich zu Thanksgiving zu seinen Eltern und der gesamten Familie, etwa fünf Kinder, im Bundesstaat Arkansas ein.
Das Haus liegt mitten in einem Wald, wunderschön. Die Bäume sind zig Meter hoch, die Blätter bedecken den Boden. Die Dobermannhündin Mokka fand mich jedenfalls sympathisch und gesellte sich immer für Streicheleinheiten zu mir. Als wir die Tür öffneten, begrüßte uns ein älterer, großer Herr mit grauem Haar und denselben blauen Augen wie sein Sohn – eine gekürzte Pfeife in der Hand, deren Mundstück wohl aus Bernstein und deren Rest aus Holz war. „Great to see you, Muamer! Please take a seat.“ Gleich daneben stand seine Mutter, eine Frau mit gefärbtem blonden Haar und denselben blauen Augen. Sie hat etwas sehr Wohlfühlendes. Sie fügte mich ins Haus und in die Familie ein, als wäre ich schon immer da gewesen. Jeden Morgen stand etwas Süßes zum Kaffee für mich bereit, weil sie wusste, dass ich das mag. Keine Anlagen wären für einen Außenpolitiker besser als die einer solchen Frau. Zu Thanksgiving gab es einen köstlichen Truthahn, zahlreiche gefüllte Eier, Salat; der ganze Tisch war gedeckt. Fünf Kinder, mittlerweile alle erwachsen, mit ihren Partnern, also etwa zwölf bis dreizehn Personen, saßen am Tisch. Doch bevor es losging, sprach der Vater ein Gebet. „God, please forgive us our sins“, und er verlangte von jedem zu sagen, wofür er dankbar ist. Erst dann konnte gegessen werden. Jede Woche geht die Familie am Sonntag in die Kirche. Dass er mit mir einen Muslim in seinem Haus hatte, kümmerte ihn nicht. „You know, son, at least you are not an liberal atheist. The three monotheistic religions have the same root from Abraham, don’t they?“ Ich musste schmunzeln. Aber ich merkte eines; dass ihnen Andersgläubige, anders als in Europa, keine Bedenken machten, weil sie selbst fest im Glauben waren. Im Gegenteil, der Vater sah mich sogar als jemanden, mit dem er dieselben Werte teilte, auch wenn die praktizierte Form eine andere war.
Jeden Morgen wachte ich auf und sah eine Bibel am Esstisch. Sein Vater las jeden Morgen aus ihr. Wir unterhielten uns über Geschichte, weil er diese an der High School lehrte, und ich merkte nun, woher Sebastien das tiefe Wissen über Europa und das Militär hatte. Seine Familie ist reines Bildungsbürgertum, das sich mit den Mitteln, die es hatte, emporgekämpft hat. Aber sie strahlt eine Würde, Selbstachtung und ein Ehrempfinden aus, wie ich sie selten gesehen habe. „You know, Muamer, there are things in life which are worth fighting for“, sagte er mir einmal bei einer Autofahrt. Das Krasse ist, dass ich ihm das wirklich glaube. Man merkt Männern schnell an, ob sie bereit sind, persönliche Risiken für das einzugehen, wovon sie reden, oder nicht. Sein Vater erzählte mir einmal eine Geschichte, die das bestätigt. Eines Abends saß er mit Sebastien als Jugendlicher an der Veranda und sah in der Ferne eine vermeintliche Bewegung von Menschen auf seinem Grundstück im Nirgendwo. Etwas skeptisch sagte er seinem Sohn, er solle ihm sein Gewehr bringen, was Sebastien auch tat. Doch Sebastien ließ nicht locker und wollte nicht, dass sein Vater allein in der Nacht dorthin ging, um die Lage zu prüfen; also nahm er selbst mit seinen sechzehn Jahren ein Gewehr. Sein Vater aber sagte ihm zum Schutz, er solle durch den unteren Teil des Hügels heraufkommen; wenn er das täte, hätte er selbst längst die Lage überprüft und würde so seinen Sohn schützen, falls doch etwas wäre. Das aber wusste der damals sechzehnjährige Sebastien nicht. Was diese Geschichte zeigt, ist, wie dieser Sohn keine einzige Sekunde zögerte, seine Pflicht zu erfüllen – in diesen Jahren! Aus diesem Holz ist der Süden gemacht, und deshalb, nur deshalb, gibt er aktuell den Takt in Amerikas Umwälzung vor.
Ich höre immer wieder aus Europa, Trump sei amoralisch. Genau das ist er nicht. Er hat sehr wohl eine persönliche Moral, und er ist mit Abstand der Stringenteste, der sie einhält, nämlich: the survival of the fittest. Nirgendwo wird mehr über Moral geredet als in Europa, aber keiner der europäischen Führer hat jemals so viel persönlich dafür riskiert wie Donald Trump. Das ist bitter zu hören, aber es ist die Wahrheit. Trump hat für sein persönliches moralisches Ziel so ziemlich jeden politischen Kampf durchlebt: Er stand mehrmals vor Gericht, wurde debanked, seine Familie und er wurden von den Medien verflucht, er verlor viel Geld und wurde sogar angeschossen; und hat dabei buchstäblich nicht gezuckt. Man nenne mir in Europa eine einzige Führungsperson, die Ähnliches durchgemacht und in allem so konsequent geblieben ist.
Einer der wichtigsten Architekten der aktuellen US-Außenpolitik, Elbridge Colby, der derzeit Unterstaatssekretär im Pentagon ist und den in Europa so gut wie niemand kennt, mit dem ich aber einmal ein Interview geführt habe, ist vom ähnlichen Schlag. Dieser Mann hätte, wenn er Anfang der 2000er-Jahre mit dem Mainstream mitgeschwommen wäre, längst High-Official werden können. Aber er tat das Gegenteil: Er widersprach immer wieder den politischen Entscheidungen der Republikaner und wurde buchstäblich von allen Ämtern für etwa fünfzehn Jahre verbannt, bis 2016 Trump gewählt wurde und ihn arbeiten ließ. Fünfzehn Jahre Verbannung. Ich kenne im deutschsprachigen Raum keinen, der so weit gegangen wäre. Aber das ist der Preis, den man für seine Ehre bezahlen muss. Ich wünschte, wir hätten auch nur einen einzigen Mann mit dieser Tiefe an Wissen und Gedanken in Berlin.
Man kann Menschen alles beibringen, aber nicht, ob sie ein Ehrempfinden haben und daran glauben oder nicht. Man hat es oder nicht. Aus diesen kleinen Samen in den USA ist eine Bewegung entstanden, die nicht mehr aufzuhalten sein wird. Europa fehlt es materiell an nichts, aber am Ehrempfinden seiner Führung und Bevölkerung; oder, wie mein Kollege sagen würde: „There are things in life which are worth fighting for.“


