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Avatar von TheAntiquatedOne

Ich schätze deine Beiträge, gerade weil du Geschichte als einer von sehr Wenigen ernst nimmst — wieso das so ein seltenes Phänomen ist, gehört eigentlich sehr viel näher betrachtet. Ich habe jetzt insgesamt wahrscheinlich mehrere Stunden mit diesem Kommentar verbracht, weil ich deine Logik an zwei Punkten besser nachvollziehen will. Die stehen sich m.E. irgendwo im Weg.

Erster Punkt — die Atombombe. Deine Diagnose teile ich, aber eben weil sie kulturell ist, nicht technisch: Europa habe „keine eigene Strategie", keine Elite mit (historischen) Bewusstsein, es trage „die ideologische Brille" und bleibe deshalb „Spielball der Großmächte". Einverstanden. Und zwar genau so: Europa ist ein Spielball der Großmächte, ein Absatzmarkt, irgendetwas — aber eben nichts Lebendiges, etwas Historisches.

Und genau deswegen ist die Atombombe doch die falsche Antwort auf die richtige Frage — eine technologische Lösung für ein menschliches Defizit. Dein Plädoyer klingt eher, als wolltest du mit Hilfe der Atombombe eine Defibrillation am europäischen Geist durchführen. Anders ausgedrückt, durchaus vulgär mit Tony Stark im Spiderman-Film: „If you're nothing without the suit, you shouldn't have it."

Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie die Forderung, Deutschland bräuchte die Bombe, um respektiert zu werden, der heutigen Sklavenmentalität entkommen soll. Es ist doch eher eine Bestätigung — man sucht Anerkennung durch das Instrument des Herrn. Hinzu kommt: Die Bombe ist „sowas von" 20. Jahrhundert. Die eigentliche Front sind längst Algorithmen und KI — Weapons of Math Destruction — und dort wird Deutschland strukturell veraltet bleiben. Da garantiere ich, wird sich in den nächsten Jahren überhaupt gar nichts ändern (ich komme aus der Techbranche).

Und vor allem, wer soll das ändern? Woher soll so eine 'neue' Elite auftauchen? Aus dem Schatten einer Atombombe? Das ist doch bereits die transatlantische Elitenmanufaktur, aus der unsere Baerbocks und Merze stammen. Wo ist da der USP?

Zweiter Punkt — und hier sehe ich einen ernsten Widerspruch. Du sagst mit Metternich: „Diesen Kriseninstinkt hat Europa weitgehend verloren." Der Akzent steht auf "Verloren", aber mir ist er viel zu passiv. Treffender wäre: er wurde uns viel wegoperiert. Wie das funktioniert hat — und warum etwa Egon Bahrs Friedenspolitik heute so antiquiert wirkt —, kann man bei den Werken von Frances Stonor Saunders zum Umfeld des kulturellen Kalten Krieges recherchieren (dies hab ich viel aufgearbeitet, Publikationen sind in der Planung - mich würd da gerne deine Meinung zu interessieren).

Aber auch das, wiederrum, will nicht wirklich wahr haben, welchen kulturellen Schock die Atombombe auf unsere Geisteswissenschaft hatte. Es war doch unter anderem die Atombombe, die ein neues Zeitalter eingeläutet hat, in der Geschichte kaum noch eine Rolle spielt. Wo Nietzsche den Tod Gottes verkündete, hat die Technologie — und mit ihr die Bombe — den leeren Thron besetzt. Selbst der Papst hat jetzt, mit Bezug auf die KI, zugegeben, dass Technologie zunehmend eine konkurierende theologische Komponente aufweist. Du berufst dich also auf den historischen Instinkt Metternichs und forderst zugleich das Instrument, das die Geschichte als Handlungsgrundlage erst antiquiert hat. Für mich ist das ein Widerspruch in sich. Ich verstehe wirklich schwer, wie das beides zusammen funktionieren soll.

Ich finde, wir müssten als Erstes, den Kulturellen Krieg gegen Europa aufarbeiten. Dann, basierend darauf, muss eine Gegenoffensive gestartet werden. Dass diese kulturelle Gegenoffensive mit einer eigenen Verteidigungsstrategie (da wird deine Position generell viel relevanter!) einher geht, steht für mich nicht zur Debatte. Da muss eindeutig ein strukturelles Umdenken, eine neue Sicherheitsarchitektur passieren.

Aber eine Atombombe ist hier nicht mal mehr als Provokation gut. Wir sollten noch radikaler denken — und vor allem wieder träumen können. Denn die heutige Technokratisierung zerstört in erster Linie genau das: unser Vorstellungsvermögen. Wir haben irgendwo sogar unsere eigene Geschichte als Mythologie verloren. Oder selbst zerstört, in zwei Weltkriegen — das ist dann Auslegungssache.

Avatar von Jan Schmucker

Ich stimme dem meisten zu, Tatsache ist jedoch trotzdem, dass der Zwei-plus-Vier-Vertrag hier der Idee von einer deutschen atomaren Bewaffnung entgegensteht. Die Frage ist daher, ob man wirklich so weit gehen würde, den Vertrag für nichtig zu erklären um am Ende rechtliche und diplomatische Unsicherheiten und sogar Reparationen zu riskieren für Atomwaffen. Wahrscheinlich nicht so müsste man irgendeine andere Lösung finden.

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