Bećirović: „Deutschland braucht eine Atombombe“
Der Militärhistoriker Muamer Bećirović erklärt, warum die USA sich aus Europa zurückziehen – und weshalb Deutschland vor historischen Entscheidungen steht. Ein Interview.
Herr Bećirović, Sie beschäftigen sich intensiv mit Geopolitik, Militärdiplomatie und Militärgeschichte und forschen derzeit in den USA. Wenn Sie heute auf die amerikanische Außenpolitik blicken, wie beurteilen Sie diese?
Wir erleben derzeit die Konsequenzen einer Entwicklung, die in den Vereinigten Staaten seit langem angelegt war. Seit den 1990er-Jahren, spätestens seit den Nullerjahren, gab es in Washington eine kleine, doch hartnäckige Fraktion, die gesagt hat: Mit dem Ende des Kalten Krieges ist unser Job in Europa erledigt. Ihr Kernargument lautete: Die USA haben weder die industriellen noch die fiskalischen Ressourcen, um gleichzeitig in Europa und in Asien eine hegemoniale Machtbalance aufrechtzuerhalten. Man müsse sich jetzt entscheiden, und die Entscheidung falle zugunsten Asiens, weil dort mit China der eigentliche Herausforderer sitzt.
Überraschend ist hierbei die Trägheit Europas. Es beginnt erst jetzt ansatzweise in den Köpfen anzukommen, dass in Washington ein strategischer Schwenk stattgefunden hat. Und selbst heute gibt es Stimmen, die ernsthaft empfehlen, Donald Trumps Präsidentschaft einfach „auszusitzen“. Das ist kein nüchterner Realismus, sondern Ausdruck unserer eigenen Realitätsverweigerung. Europa verharrt in einer Komfortzone, die es sich seit dem Ende des Kalten Krieges geschaffen hat, einer Zone, in der Sicherheit von außen garantiert wird, ohne dass man selbst dafür den Preis zahlen muss.
Welche Personen stehen konkret hinter dem amerikanischen Kurs, und inwiefern spiegelt die jüngst veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie der USA genau diese Linie wider?
Trump hatte, in seiner ersten Amtszeit wie auch jetzt, im Kern zwei außenpolitische Lager um sich. Entscheidend für das, was wir heute sehen, ist der Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik Elbridge Colby, politisch eng mit US-Vizepräsident J.D. Vance verbunden. Colby ist einer der wichtigsten intellektuellen Architekten der aktuellen Trump-Strategie. Die Gegenfraktion sind im Grunde die klassischen Transatlantiker wie Marco Rubio. Sie glauben, die USA könnten alles gleichzeitig balancieren: Europa, Nahost, Asien. Das ist immer noch die Mehrheit im Kongress und in weiten Teilen des Establishments, aber sie hat momentan nicht die Hebel der Exekutive in der Hand. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie unter Trump wird die bestehenden Differenzen, die Stoßrichtung von Vance und Colby aber verstärken – weniger Truppen in Europa, weniger Verpflichtungen im Nahen Osten und ein klarer Fokus auf den Indopazifik.
Wie würden Sie denn diese Fraktion bezeichnen? Sind das Neoisolationisten?
Nein, Isolationisten sind sie gerade nicht. Ich würde sie eher in der Tradition der klassischen amerikanischen Außenpolitik des 19. Jahrhunderts verorten, denken Sie an die Monroe-Doktrin. Sie greifen dort ein, wo es zur Erhaltung des Gleichgewichts notwendig ist, und verhindern, dass ein regionaler Hegemon für die Interessen der USA gefährlich werden könnte. Gleichzeitig führen sie aber keine risikoreichen Kriege mehr wie beispielsweise George Bush in Irak und Afghanistan. Die westliche Hemisphäre – Nord- und Südamerika plus Grönland – ist ihre zentrale Einflusssphäre. Dazu kommt Asien, weil das Machtgleichgewicht dort so fragil ist, dass die USA im Kriegsfall mitziehen müssen.
Die logische Konsequenz dieser Ansicht ist: raus aus Europa, raus aus dem Nahen Osten, Konzentration auf die eigene Hemisphäre und auf Ostasien. Das ist radikal, aber strategisch wohldurchdacht. Die USA bekommen ihre industrielle Basis nicht in wenigen Jahren so weit ausgebaut, dass sie mit der chinesischen Massenproduktion moderner Waffensysteme mithalten könnten, und haben immer weniger finanziellen Spielraum. Also müssen sie harte Entscheidungen treffen. Was sie jetzt tun, ist brutal: Sie schneiden sich einen Arm ab, um den Rest des Körpers zu retten. Sie ziehen sich teilweise aus Europa und dem Nahen Osten zurück, um Asien verteidigen zu können. Europa ist den Amerikanern aber deutlich wichtiger als der Nahe Osten. Washington will seine Hegemonie behalten, aber den Preis dafür sollen nun die Europäer zahlen, die man auch wirklich leicht gegeneinander ausspielen kann.
Gibt es in den USA einflussreiche Gegenstimmen, die sagen: Zuerst Europa stabilisieren, dann Asien?
Ja, es gibt eine kleine, aber nicht völlig einflusslose Fraktion, die genau das fordert. Ihr Argument lautet: Europa ist für Ressourcen, als logistische Drehscheibe und als Markt strategisch unermesslich wichtig. Fällt Europa weg, bleibt Amerika im Grunde eine große Insel, abgeschnitten von der eurasischen Landmasse, abhängig von Seewegen, die China im Ernstfall angreifen könnte.
Wie sollte sich Europa verhalten? Seit Jahren hört man vor allem von Emmanuel Macron zwar Forderungen nach einer Stärkung der „strategischen Autonomie“ Europas, an konkreten Schritten mangelt es jedoch.
Macrons Rhetorik ist ambitioniert, sie bleibt allerdings oft symbolisch, weil Frankreich historisch nie bereit war, Führung wirklich zu teilen. Frankreich wird niemals an einem europäischen Imperium mitarbeiten, das es nicht selbst führt, nicht etwa aufgrund fehlender Ressourcen, sondern wegen seines Selbstverständnisses als Grande Nation. Meine Hoffnung ruht deshalb auf Deutschland. Berlin könnte zum Motor einer tiefgreifenden europäischen Einigung werden. Ein realistischer Weg wäre ein Kernverbund im Rahmen der EU, welcher auch auf eine ernst zu nehmende Verteidigungsarchitektur, gemeinsame Kommandostrukturen, koordinierte Beschaffung, integrierte Luftverteidigung setzt. Wenn ein solcher Kern einmal existiert, wird es für größere EU-Staaten sehr viel schwieriger, sich dauerhaft außerhalb zu positionieren. Sie würden aus nüchterner Machtkalkulation früher oder später beitreten.
Das würde aber am Ende bedeuten, dass Deutschland nicht nur politisch, sondern auch militärisch eine völlig andere Rolle annehmen muss. Sie waren einer der Ersten im deutschsprachigen Raum, die offen gefordert haben, Deutschland müsse über eigene nukleare Fähigkeiten nachdenken. Stehen Sie weiterhin dazu? Welche Risiken sehen Sie dabei?
Ja, ich stehe weiterhin dazu. Deutschland braucht eine Atombombe, und zwar aus einem einfachen Grund. Es geht dabei in erster Linie um die psychologische Wirkung und die politische Glaubwürdigkeit. Solange Frankreich Atomwaffen besitzt und Deutschland nicht, kann Paris Berlin immer unter Druck setzen. Bislang ist bei aller Freundschaft Paris’ Botschaft an Berlin unmissverständlich gewesen: Ihr bleibt ein Level unter uns. Natürlich ist eine deutsche Nuklearoption mit erheblichen Risiken verbunden. Sie würde den Nichtverbreitungsvertrag infrage stellen, massiven Widerstand Frankreichs und Großbritanniens provozieren, Russland nervös machen und verstärkte Aufrüstung bis hin zu präventiven Drohungen zur Folge haben.
Die Alternative ist aber eine dauerhafte Abhängigkeit von französischen oder britischen Garantien und keine echte europäische Abschreckung. Denn im klaren Gegensatz zu Paris oder London wären deutsche Atomwaffen weniger national, sondern vielmehr gesamteuropäisch. Realistisch denke ich nicht an ein klassisches strategisches Nukleararsenal mit Interkontinentalraketen, sondern an hochpräzise ballistische Raketen mit sehr großer konventioneller Zerstörungskraft. Das sind Systeme, die in ihrer Wirkung an taktische Nuklearwaffen heranreichen, wie wir sie etwa im südkoreanischen Raketenprogramm sehen. Solche Fähigkeiten könnte man in besonders gefährdeten Regionen wie dem Baltikum stationieren – mit dem glaubwürdigen Signal an kleinere Staaten, dass ihnen Sicherheit garantiert wird im Austausch dafür, dass sie sich an einem gemeinsamen europäischen Imperium beteiligen.
Gibt es keine mildere Alternative, beispielsweise eine erweiterte französisch-britische Nukleargarantie für ganz Europa?
Das wird immer wieder andiskutiert, so in etwa auch in Macrons jüngsten Überlegungen zu einer „europäischen Dimension“ französischer Atomwaffen. Allerdings scheitert es an der Glaubwürdigkeit. Die Doktrinen bleiben national. Würde Frankreich wirklich für die estnische Grenzstadt Narwa oder die polnische Kleinstadt Terespol an der Grenze zu Belarus Paris riskieren? Eine echte europäische Abschreckung braucht einen Akteur im geografischen und demografischen Zentrum, der die Interessen Ost- und Nordeuropas glaubhaft teilt. Das kann nur Deutschland sein. Je mehr machtpolitisches Gewicht Europa auf die Waagschale bringen kann, desto eher werden Washington, Moskau und Peking Europa als eine eigenständige Großmacht anerkennen müssen.
Sie sind Österreicher. Was bedeutet diese Logik für das neutrale Österreich?
Österreich spielt sicherheitspolitisch weit unter seinem ökonomischen und innovativen Gewicht. Vergleichen Sie das Land mit Schweden: ähnliche Größe, aber Schweden verfügt über ein bemerkenswertes Portfolio an Waffensystemen und ist sicherheitspolitischer Produzent. Österreich könnte sich spezialisieren, etwa in Bereichen wie Cyber, Drohnen oder Präzisionsmunition. Die Neutralitätsrhetorik der vergangenen 70 Jahre war bequem, sie ist aber kein zukunftssicheres Konzept. Entweder Österreich entscheidet sich konsequent für Neutralität im schweizerischen Sinne – dann müsste aber auch die eigene Rolle innerhalb der EU radikal überdacht werden – oder Wien verabschiedet sich von den Mythen der Vergangenheit und integriert sich konsequent in eine europäische Sicherheitsarchitektur als aktiver Mitgestalter und nicht als sicherheitspolitischer Trittbrettfahrer.
Sie haben eine viel beachtete Biografie über den wirkmächtigen österreichischen Staatsmann Klemens Wenzel Lothar von Metternich veröffentlicht. Wie würde Metternich auf die heutige europäische Politik blicken?
Er wäre zutiefst schockiert. Metternich dachte Ordnung immer vom möglichen Zusammenbruch her. Von diesem potenziellen Katastrophenpunkt in der Zukunft aus zog er die Lehren für die Gegenwart. Diesen Kriseninstinkt hat Europa weitgehend verloren. Für ihn wäre es beispielsweise völlig unvorstellbar gewesen, dass Europa Verhandlungen über seine eigene Zukunft einer außereuropäischen Macht – den USA – überlässt. Dass der Friedensprozess in der Ukraine aber unter faktischem Ausschluss Europas abläuft, würde er als eine intellektuelle Kapitulation lesen. Metternich würde sagen: Solange man Russland nicht besiegen kann, muss man mit Russland als Nachbarn leben. Das heißt: machtpolitisch ausbalancieren. Doch solange Europa, insbesondere Deutschland, nicht in der Lage ist, militärisches Gewicht einzubringen, ist jede Ordnungspolitik bloße Rhetorik.
Was erschließt sich aus Ihren Studien zur Diplomatiegeschichte als die gefährlichste Illusion in der Außenpolitik?
Wer die Realität nicht als das erkennt, was sie ist, konstruiert Handlungsoptionen auf der Grundlage einer Fehlinterpretation, und jede darauf aufbauende strategische Entscheidung wird zwangsläufig in die Irre führen, weil bereits die Lagebeurteilung im Ansatz verfehlt war. Heutzutage legt man nur zu gerne eine ideologische Brille an und konstruiert sich eine Welt, die zur eigenen Moral oder auch zur eigenen Karriere passt. Wahre Staatskunst löst sich aber von geistigen Konstrukten und erkennt Macht, Geografie, ein gewisses Ehrempfinden und industrielle Kapazitäten als das an, was sie sind – entscheidende Grundlagen des eigenen Überlebens. Solange wir in Europa das aber nicht tun, werden wir niemals Gestalter sein, sondern bleiben ein Spielball der Großmächte.
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Infobox:
Muamer Bećirović wurde 1996 in München geboren und wuchs in Wien auf. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft und Geschichte forscht er als Military History Fellow an der University of North Texas. Im Jahr 2024 veröffentlichte er eine Biografie über Clemens Wenzel Lothar von Metternich, einen der einflussreichsten österreichischen Staatsmänner, der nach dem Sturz Napoleons die europäische Ordnung über mehrere Jahrzehnte prägte.
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Der Beitrag wurde ursprünglich am 17.12.2025 in der Berliner Zeitung veröffentlicht.


