Alles eine Frage der Zeit
Im Ausland zu leben und dann für ein paar Monate heimzukehren, verändert einen. Man sieht vieles aus einem anderen Blickwinkel. Kaum in Wien gelandet, flanierte ich als Erstes durch die Stadt. Die Selbstgefälligkeit Wiens, des deutschen Raumes überhaupt, ist mir immer aufgefallen, vielleicht, weil ich aus einer anderen sozialen Welt komme. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Wohlstand und unser Leben hinnehmen, ist geradezu erstaunlich. Und sie wirkt umso greller, wenn man dort lebt, wo das Tempo ein ganz anderes ist.
Meine Tätigkeit bringt mich mit Menschen aus Wirtschaft, Kultur und Politik ins Gespräch, und in Wahrheit begreifen die Allerwenigsten von ihnen, in welcher existenziellen Lage wir uns befinden. Dabei zieht ihnen allen die Realität davon. Die Vereinigten Staaten verhängen Zölle gegen Europa und ziehen ihre Sicherheitsgarantien zurück. Druck von Westen. Im Osten balancieren wir Russland, und aus dem Fernen Osten rollt zugleich ein Tsunami chinesischer Industriegüter heran, billiger und besser als vieles, was wir selbst herstellen. Druck von Osten. Ein Fundament unseres Wohlstandes bricht weg und das unserer Sicherheit gleich mit.
Diese Brüche kommen mittlerweile beim Einzelnen an. Ich habe einen Kleinunternehmer gefragt, warum er sich ein chinesisches Auto kauft, und er sagte mir, der Wagen koste die Hälfte und sei besser ausgestattet als jeder VW, BMW oder Mercedes. Andere machen es ihm nach. Die deutschen Hersteller spüren es bereits und streichen Tausende Stellen. Was sich hier auftut, ist kein Loch, sondern ein Krater. Auf die Automobilindustrie entfallen, gemessen am Umsatz, zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent der deutschen Industrie und sie befindet sich im freien Fall. 15.000 Industriearbeitsplätze verliert Deutschland Monat für Monat. Mit den guten Arbeitsplätzen schwinden die guten Löhne und der Wohlstand hunderttausender Familien.
All diese Entwicklungen haben wir mehr als verdient. Jede Zivilisation, jede Nation, die niedergeht, geht daran zugrunde, dass sie sich selbst aufgegeben hat. Genau das haben wir getan. Nichts hat mich das deutlicher gelehrt als ein Nachmittag, den ich mit einer chinesischen Reisegruppe an einer Sehenswürdigkeit verbrachte. Tiger-Mamas nennt man diese Mütter, liebevoll, weil sie ihren Kindern Disziplin, Werte und Wissen mühevoll eintrichtern, damit etwas aus ihnen wird. Sie und ihre Männer haben eine erstaunliche Generation hervorgebracht. Gebildet, fleißig, diszipliniert und warmherzig ist mir jeder Einzelne von ihnen begegnet. Oft kein Vergleich zu den Jungen, die ich im deutschsprachigen Raum treffe. Am ehesten noch erlebe ich es bei den Aufsteigerfamilien. Man merkt diesen jungen Leuten den Hunger an, das Streben nach Größe; bei uns ist es ein Streben nach Status, der nicht durch Exzellenz erworben wird, sondern durch Oberfläche. Ich fragte eine junge Chinesin aus der Gruppe, Ingenieurin im Bahnwesen, wie das Leben in Chengdu sei. Sie arbeite von acht Uhr früh bis acht Uhr abends, sechs Tage die Woche, und habe fünf Urlaubstage im Jahr. Am liebsten, sagte sie, wäre sie einfach Hausfrau, würde sich um die Kinder kümmern und die Arbeit dem Mann überlassen. Ich musste sehr lachen. Was für ein Kontrast zum deutschen Kulturraum!
Ein Handelsvertreter sagte mir, der Niedergang sei sicher, aber er werde sich langsam vollziehen. Das glaube ich nicht mehr. Nicht nach dem, was mir die Einzelnen erzählen, die mitten in diesem Strom stehen und ihn selbst gestalten. Die Werksschließungen, die Zuliefererpleiten, die Auftragsbücher der China-Händler, die radikalen Streichungen, all das deutet auf etwas anderes hin. Ein Freund, der die Montage der neuen Xpeng-Modelle in Österreich kennt, erzählte mir, an sechs Hebebühnen arbeiteten dreißig Leute, die in das ansonsten fertige Auto nur noch Batterie und Antriebseinheit einsetzen. Nahezu die gesamte Wertschöpfung findet also in Asien statt, in Europa wird nur zusammengeschraubt. So umgeht China die europäischen Zölle. Und einen Handelskrieg gegen China zu gewinnen, ist nicht einmal den Vereinigten Staaten gelungen. Dazu kommt, was mir aus einem österreichischen Weltmarktführer im Kranbau berichtet wurde. Man hatte ein chinesisches Konkurrenzmodell bestellt, die eigenen Ingenieure zerlegten es und mussten einräumen, dass die Chinesen ihnen in der Entwicklung rund fünf Jahre voraus sind.
Politische Instabilität ist mittlerweile unvermeidlich. Unsere politische Klasse ist orientierungslos. Sie hat nicht nur nicht erkannt, in welcher existenziellen Lage wir uns befinden, es ist ihr großteils gleichgültig. Die Männer und Frauen der politischen Mitte sind für diese Zeiten nicht gemacht. Sie profitieren, solange sie können, von ihren Ämtern und sind weg, sobald es ernst wird. Das ist die Haltung quer durch alle Reihen, mit Ausnahme der wenigen Noblen, die das Ruder herumreißen wollen. Nur sind diese Leute weit davon entfernt, an die Macht zu kommen. Meine Prognose: Deutschland und mit ihm Österreich stehen fünf bis zehn Jahre politischer Instabilität bevor. Minderheitsregierungen, wechselnde Mehrheiten, Kanzler und Minister im Halbjahrestakt. Und irgendwann wird sich die Bevölkerung nach Ordnung sehnen und jemanden wählen, der sie ihr verspricht.
Was also treibt uns in diese fast unvermeidliche Instabilität? Die Geschichte. Unsere Demokratie ist das Ergebnis eines Sieges des Bürgertums über die Aristokratie. Das Problem ist, dass das Bürgertum selbst zur Aristokratie geworden ist. Es benutzt den Staat als Schutzwall für seine Privilegien, genau wie die Aristokratie es vor ihm getan hat.
Übernommen hat es dabei nur die eine Hälfte. Das alte Prinzip lautete: Wem viel gegeben ist, von dem wird viel verlangt. Wer mit der Macht lebt, muss hinnehmen, für das größere Ganze unterzugehen und alles zu verlieren. Heute will man die Macht und die Privilegien, ohne den Preis dafür zu zahlen. Der Geist der Hingabe an andere ist verschwunden. Geredet wird darüber genug, gelebt wird er kaum.
Er wird zurückkehren. Aber es ist eine Frage der Zeit, und bis dahin, denke ich, werden wir deutlich mehr leiden müssen.
Bild: Irgendwo in den Bergen, im tiefsten Nahen Osten.


